Die Zwiebel wird in der Türkei zum Luxusartikel – und für Erdogan zum Problem
Die Zwiebel treibt den Türken die Tränen in die Augen – nicht beim Schälen, sondern wegen des exorbitanten Preisanstiegs. Staatschef Erdogan lässt nichts unversucht, diesen zu bremsen.
07.12.2018

Gerd Höhler

Die Zwiebel treibt den Türken die Tränen in die Augen – nicht beim Schälen, sondern wegen des exorbitanten Preisanstiegs. Staatschef Erdogan lässt nichts unversucht, diesen zu bremsen. Ohne Zwiebeln geht gar nichts in der türkischen Küche. Viele verzehren sie mit Tomaten, Ei und Paprika schon zum Frühstück – Menemen heißt die Eierspeise. Auch aus den meisten Meze, den Salaten und Hauptgerichten sind sie nicht wegzudenken. Aber jetzt treiben die Zwiebeln den türkischen Hausfrauen besonders viele Tränen in die Augen.

Nicht erst beim Schälen in der Küche, sondern schon beim Einkauf auf dem Markt – wegen der enormen Preise. Seit Jahresbeginn haben sich die Zwiebelpreise in der Türkei fast vervierfacht. Manche Händler verlangen zehn Lira für das Kilo, umgerechnet rund 1,70 Euro. Allein im November sei der Zwiebelpreis gegenüber dem Vormonat um 45,55 Prozent gestiegen, meldete jetzt die Istanbuler Handelskammer (ITO).

„Ich kann mir keine Zwiebeln mehr leisten, also müssen wir uns ihren Geschmack ab jetzt vorzustellen versuchen“, zitierte die Zeitung „Cumhuriyet“ eine Marktbesucherin. Die früher für alle erschwingliche Knolle wird zum Luxusartikel.

Die Inflation ist in der Türkei ein Politikum. Die Teuerung liegt auf dem höchsten Stand seit 15 Jahren. Mit gesenkten Verbrauchssteuern versucht die Regierung gegenzusteuern. Finanzminister Berat Albayrak nahm jetzt die Mehrwertsteuer auf Hausgeräte und Möbel von 18 auf acht Prozent zurück. Auf neue Nutzfahrzeuge müssen die Käufer sogar nur noch ein Prozent Mehrwertsteuer zahlen.

Die Steuersenkungen gelten zunächst bis Ende 2019. Außerdem appelliert die Regierung an Hersteller und Handel, mit freiwilligen Preisnachlässen von zehn Prozent die Inflation zu dämpfen. Die Hersteller von etwa 400 Produkten, die zum Warenkorb für die Inflationsberechnung gehören, machen mit bei der Kampagne. Sie läuft unter dem Motto „Türkiye Kazancak“, die Türkei wird gewinnen.

Staatschef Recep Tayyip Erdogan lässt nichts unversucht, den Preisauftrieb zu bremsen. Im März sind Kommunalwahlen in der Türkei. Da kann der Präsident Meldungen über explodierende Preise nicht gebrauchen, vor allem nicht, wenn sie von den Wochenmärkten kommen. Denn nichts verstimmt die Wähler so wie steigende Lebensmittelpreise.

Erdogan fährt deshalb in der Zwiebelkrise schweres Geschütz auf: Er hat Razzien angeordnet, um vermeintlichen Spekulanten und Preistreibern das Handwerk zu legen. In einem Lagerhaus bei Istanbul entdeckte die Armee 1300 Tonnen Zwiebeln, die ein Großhändler offenbar in der Hoffnung auf weiter steigende Preise zurückhielt. Polizeibeamte besuchen Supermärkte, um die Zwiebelpreise zu kontrollieren.

Fast täglich berichtet das Fernsehen über diese Razzien und Kontrollen. „Spekulanten werden einen hohen Preis bezahlen“, warnt Erdogan. Für jene, die Lebensmittel horten, werde es „keine Gnade geben“. Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli ruft zur Jagd auf die „Zwiebel-Opportunisten“.

Dennoch hat Erdogan die Zwiebelpreise bisher nicht in den Griff bekommen. Die Razzien sind wohl vor allem für die Medien gedacht. Dass die ausschwärmenden Polizisten jetzt volle Lagerhäuser entdecken, ist kein Wunder: Erst im Frühsommer steht die nächste Zwiebelernte an, bis dahin muss das Land von den Vorräten zehren.

Die Großhändler rechtfertigen die gestiegenen Preise mit einer Missernte sowie steigenden Energie- und Transportkosten. Das erklärt die immensen Preissteigerungen aber nicht.

Die Zwiebelkrise dürfte auch einer verfehlten Politik geschuldet sein. Bei ihrer Wachstumsstrategie konzentrierte sich die 2002 an die Macht gekommene Erdogan-Partei AKP vor allem auf die Bauwirtschaft und die verarbeitende Industrie. Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist von 36 Prozent in den 1970er Jahren auf gut sechs Prozent im vergangenen Jahr geschrumpft.

Allein seit dem Amtsantritt Erdogans hat er sich halbiert. Fehlplanungen, gescheiterte Reformansätze und nicht durchdachte Förderprogramme führten in den 2000er-Jahren zu einer Überproduktion bei einigen Agrarprodukten, während es von anderen zu wenig gibt. Inzwischen muss die Türkei viele landwirtschaftliche Erzeugnisse importieren, um die Stände auf den Wochenmärkten und die Regale der Geschäfte zu füllen.

Die Abwertung der türkischen Lira, die seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro ein Drittel ihres Werts verloren hat, schlägt deshalb auch auf viele Obst- und Gemüsepreise durch.

Die staatliche türkische Wettbewerbsbehörde erklärte Ende November, es gebe keine Anhaltspunkte für eine systematische Hortung von Agrarprodukten. Die Wettbewerbshüter verwiesen aber als mögliche Erklärung für die steigenden Preise darauf, dass sich die Anbaufläche für Kartoffeln zwischen 2012 und 2017 um 17 Prozent, die für Zwiebeln sogar um ein Fünftel reduziert habe.

Der sozialdemokratische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu kritisiert die Fehplanungen im Agrarsektor: „Bis vor kurzem haben wir noch Zwiebeln und Kartoffeln in die Flüsse gekippt, weil es zu viel davon gab – jetzt müssen wir sie importieren.“ Erdogan habe die Türkei zum „Spielball ausländischer Agrarlobbys“ gemacht, sagt Kilicdaroglu.

Derweil versucht die Regierung, die größte Zwiebel-Not zu lindern. In früheren Wintern verteilten die Behörden Kohle an Bedürftige, damit sie ihre Wohnungen heizen konnten. Jetzt geben viele Bürgermeister kostenlos Zwiebeln an notleidende Familien ab.

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