YPG: Wir werden bis zum Ende kämpfen
Die kurdische Miliz YPG warnt den türkischen Präsidenten Erdogan vor weiteren Angriffen auf die von ihr kontrollierten Gebiete in Nordsyrien. 
27.11.2018

Jan JESSEN

IMPNews - Die kurdische Miliz YPG warnt den türkischen Präsidenten Erdogan vor weiteren Angriffen auf die von ihr kontrollierten Gebiete in Nordsyrien. Die kurdische Miliz YPG ist einer der wichtigsten Partner des Westens im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). Sie kontrolliert weite Teile Nordsyriens. Da sie ideologisch der auch in Deutschland verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahesteht, gilt sie in der Türkei als Terrororganisation. Im Sommer 2016 und Anfang 2018 hat die türkische Armee gemeinsam mit islamistischen Milizen Operationen gegen die YPG durchgeführt und Teile der Region besetzt, darunter den kurdischen Kanton Afrin. Die NRZ hat in der nordsyrischen Stadt Qamishlo Nouri Mahmoud getroffen. Er ist Sprecher der YPG. In seinem Büro, in dem an einer Wand ein großes Kreuz hängt, hat er über die aktuelle Lage gesprochen - und über die Erwartungen an Europa.

-Die Demokratischen Streitkräfte Syriens, zu denen auch die YPG gehört, kämpfen im Südosten Syriens gemeinsam mit den internationalen Verbündeten gegen die Reste des sogenannten Islamischen Staates. Was können Sie über den Verlauf der Kämpfe berichten?

Nouri Mahmoud: Die Priorität für uns bei den Kämpfen in Hadschin ist es, die Zivilisten aus dem Kampfgebiet heraus zu bekommen. Wir versuchen außerdem, die Nachschubwege von Daesh (die arabische Bezeichnung für den IS, die Red.) unter Kontrolle zu bekommen. Aus der ganzen Region werden derzeit Daesh-Kämpfer nach Hadschin beordert. Die Leute, die da für Daesh kämpfen sind höchst professionell und motiviert. In Hadschin befinden sich die Führungskräfte der Organisation. Vielleicht wird der Kampf mehrere Monate dauern.

-Wie viele IS-Kämpfer sind noch in der Region?

Mahmoud: Es sind noch einige Tausend. Die YPG hat eine Menge Gefangener gemacht, die versucht haben, sich von Hadschin in die Türkei durchzuschlagen oder die aus der Türkei auf dem Weg nach Hadschin waren. Darunter sind auch viele Ausländer.

-Wieso sollten diese IS-Kämpfer aus der Türkei kommen oder dorthin wollen?

Mahmoud: Das türkische Regime unterstützt Daesh. Ausgerechnet zu der Zeit, als wir die Reste von Daesh im Süden angegriffen haben und Daesh schwach und unorganisiert war, hat der türkische Staat die Invasion in Afrin durchgeführt. Deswegen mussten wir Teile unserer Truppen von der Operation gegen Daesh abziehen, um Afrin zu verteidigen. In dieser Zeit konnte sich Daesh in der Region nahe der irakischen Grenze reorganisieren, Tunnel graben und Verteidigungsstellungen ausbauen. Der türkische Staat hat Daesh also Zeit verschafft.

-Haben Sie irgendwelche Beweise für diese schwerwiegenden Anschuldigungen?

Mahmoud: Jetzt, wo die letzte Phase der Operationen gegen Daesh begonnen hat, erneuert der türkische Präsident Erdogan seine Drohungen gegen Nordsyrien. Das hebt die Moral von Daesh. Sie führen jetzt Gegenangriffe und Terrorattacken durch. Dazu hat sie Erdogan inspiriert. Man muss aber sehr genau zwischen der türkischen Bevölkerung und der türkischen Regierung unterscheiden. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was die Regierungspartei AKP und der Präsident auf der einen Seite und die türkische Bevölkerung auf der anderen Seite macht. In der Schlacht um Kobane haben uns Türken unterstützt und mit uns gekämpft.

-Die YPG gilt in der Türkei als Terrororganisation. Wie Sie erwähnten, hat Erdogan in den vergangenen Wochen häufig damit gedroht, die von der YPG kontrollierten Gebiete anzugreifen. Nehmen Sie das ernst?

Mahmoud: Erdogan meint seine Ankündigungen sehr ernst. Er hat zwei Jahre versucht, die Russen und die westlichen Länder davon zu überzeugen, dass er Afrin angreift. Dann hat er es getan. In Afrin hatte die YPG keine große Kampferfahrung, weil die Region stabil war. In den anderen Teilen Rojavas kämpfen wir schon seit sieben Jahren. Wir haben sehr viel Gefechtspraxis. Erdogan kann nicht einfach kommen und die Gegend erobern. Die Europäer sollten trotzdem Druck auf Erdogan ausüben, damit er nicht angreift. Bei einem Angriff würde unsere Bevölkerung leiden, es würde viel zerstört. Wir werden aber bis zum Ende kämpfen.

-Die YPG kämpft an der Seite westlicher Staaten gegen den IS. Als Afrin angegriffen wurde, hat die westliche Staatengemeinschaft dazu weitgehend geschwiegen. Wie erklären Sie sich das?

Mahmoud: Die Koalition hat gesagt, dass sie nicht westlich des Euphrats operieren wird. Das war in Ordnung für uns. Diejenigen, die uns am meisten verraten haben, waren die Russen. Die Russen hatten Truppen in Afrin.Wir haben gedacht, dass wir deswegen in Afrin sicher sind. Aber die Russen haben Afrin verlassen. Allerdings haben die Türken Afrin mit Waffen der Nato angegriffen, zum Beispiel mit deutschen Panzern. Afrin ist jetzt anstatt Rakka zu einem sicheren Hafen für Dschihadisten geworden. Ich frage mich, warum Europa das Regime des Terrorunterstützers Erdogan derzeit finanziell so stark unterstützt. Das kann nur daran liegen, dass die europäischen Regierungen sich nicht dafür interessieren, was zukünftig in Europa geschehen wird. Bevor wir Daesh in Kobane besiegt haben, wurden die Terroristen stärker und führten Anschläge auch in Europa durch. Wir waren die ersten, die Daesh gestoppt haben. Wir haben sie geschwächt.

-Die Kurden verändern die Gesellschaft, bauen die kriegszerstörten Städte auf und kämpfen gleichzeitig den IS – woher nehmen sie die Kraft?

Mahmoud: Wir wollen ein Leben in Würde führen und dass unsere Rechte respektiert werden. Wir beziehen unsere Stärke aus der Schöpfung, der Imagination und der Utopie. Wir erhalten sie aus uns selbst. Wenn man sich die reiche Geschichte dieser Region anschaut, dann ist sie voller politischer und sozialer Erinnerungen. Wir beziehen uns häufig auf diese Geschichte und lernen aus ihr. Wir nutzen Selbstkritik, um uns weiter zu entwickeln. Wir verkaufen uns nicht an andere und kaufen niemanden. Diese Region war immer auch multiethnisch und multireligiös. Hier leben Araber, Kurden, Assyrer, Turkmenen, Christen, Jesiden und Muslime.

-Eine persönliche Frage: Sie haben ein Kreuz an der Wand. Wie passt das zusammen mit Ihrer Funktion als Sprecher der YPG, die ja eine säkulare Organisation ist?

Mahmoud: Das ist ein Geschenk eines armenischen Freundes. Er ist Christ. Er hat es mir geschenkt, damit es mich beschützt. Ich bin eigentlich Muslim, aber säkular. Wir respektieren aber die Geschichte von Religionen und wir respektieren religiöse Energie und Spiritualität.

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